Auszug aus einem Interview vom 12. März 1981, welches Burkhard Krupp (Autor der Ortschronik Schollach) mit Herrn Paul Kistler (Bürgermeister von 1934 bis 1940), Wolfgang Kleiser sen. Lauleshof (Sohn des Bürgermeisters von 1940 bis 1945, zur Zeit als sich dieser Vorfall ereignete ) und Stefan Kleiser Bärenhof (Schollacher Ortschronist) hielt.
Das komplette Interview ist in der Scholler Ortschronik abgedruckt.
Fragender: Burkard Krupp
K: Paul Kistler
WK: Wolfgang Kleiser
SK: Stefan Kleiser
Frage:
Herr Kistler ich glaube, wir sollten jetzt auf die Geschichte mit den abgesprungenen Piloten zu sprechen kommen. Wir sollten deshalb darauf zu sprechen kommen, weil das ein wichtiges Ereignis war, von dem die Schollacher heute noch reden. Und ich habe den Eindruck, dass viele Schollacher sich da nicht richtig verstanden fühlen, daß sie meinen, man wolle ihnen da irgend was anhängen, was man ihnen nicht anhängen darf Ich halte es deshalb für wichtig dass wir diese Geschichte jetzt mal grundsätzlich abklären -für Schollach selbst, aber auch für die Umwelt der Schollacher.
WK:
Es war am Morgen des 21. Juli1944. Da sind wir zu fünft beim Heuet gewesen - damals hat man noch von Hand gemäht. Das waren mein Vater, ich - ich war damals siebzehn Jahre alt -, ein kriegsgefangener Pole und dann noch zwei, die aus geholfen haben. Es war ein trüber nebliger Tag. Nachts hatte es geregnet, und die Wolken hingen tief. Ständig hat man Flugzeuge gehört, und plötzlich, so gegen halb elf, hat man gesehen, wie ein Fallschirm runtergekommen ist. Dann wieder einer und noch einer, und so haben wir fünf oder sechs Fallschirme gesehen. Und einer von denen ist unten beim Winterhalderhof runtergegangen. Ich bin runtergelaufen, um zu schauen, hab' nicht gewußt, ob das ein Amerikaner oder ein Deutscher war. Es war ein amerikanischer Offizier. Der hat sich direkt ergeben und ist ins Rathaus gebracht worden. Dort haben die melden müssen, daß da einer abgesprungen ist und haben gefragt, wo sie ihn hinbringen sollten. Inzwischen ist ein anderer droben im Rengethof gelandet. Der Rengetbauer hat den auch aufs Rathaus gebracht. Dann sind die von Neustadt gekommen, der Kreisleiter und der Landrat. Jetzt hatte doch am 20. Juli das Attentat auf den Hitler stattgefunden. Deshalb ist am nächsten Tag die Polizeigewalt vom Landrat auf die Partei übergegangen. Denn der Landrat, Dr. Freudenberg. wollte die Gefangenen ordnungsgemäß in Donaueschingen oder Villingen in einem Lager abliefern. Aber der Kreisleiter Kuner hat ihm erklärt, daß er hier nichts mehr zu sagen habe, die Polizeigewalt sei auf die Partei übergegangen. Da hat der Landrat gesagt: wenn ich hier nichts mehr zu sagen habe, dann gehe ich - und ist gegangen. Mein Vater, damals Bürgermeister, wollte mitgehen. hat aber dort bleiben müssen. Der Kreisleiter hatte verschiedene Männer aus Neustadt mitgebracht: seinen Sohn, der war Soldat und gerade in Urlaub, den stellvertretenden Kreisleiter Birnbräuer und noch zwei andere Männer. Außerdem war ein Gendarm dabei. Der Gendarm hat den Befehl erhalten, den einen Gefangenen auf dem nächsten Weg durch den Wald nach Neustadt ins Gefängnis zubringen. Die von der Partei in Neustadt hatten sich inzwischen hinter Bäumen am Weg versteckt. Die anderen, das waren der Sohn vom Kreisleiter, der Birnbräuer und ein weiterer Mann. Dann ist der Gendarm mit dem Gefangenen an der Stelle vorbeigekommen, wo die sich versteckt hatten. Und dann haben sie den Gefangenen niedergeschossen.
Frage:
Von hinten?
WK:
Ja.
Frage:
Auf welche Entfernung?
WK:
Ein paar Meter. Dann hat der Gendarm den Auftrag bekommen, den zweiten Mann zu holen. Und das hat er gemacht. Deswegen ist er später in Dachau zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt worden. Weil er gewußt hat, daß die den ersten niedergeschossen haben: obwohl er damals doch selbst erschossen worden wäre, wenn er's nicht gemacht hätte.
Frage:
Weiß man eigentlich, warum die Leute erschossen worden sind?
WK:
Das war der Nazismus: Da hat kein Verhör, nichts stattgefunden!
K:
Also, der Birnbräuer war ein ganz großer Fanatiker. Der Kreisleiter war ursprünglich ein ganz ordentlicher Mann, war vor dem Birnbräuer aber nicht mehr sicher. Der war ihm über den Kopf gewachsen. Der Kreisleiter war damals oft beim Direktor vom Kinderheim, das war ein Geistlicher, nachts um zwölf, weil er sich nicht mehr zu helfen gewußt hat.
Frage:
Die haben also den ersten Gefangenen von hinten erschossen, und dann mußte der Gendarm den zweiten holen und auf demselben Weg nach Neustadt bringen?
WK:
Ja, und dann ist mit dem zweiten genau dasselbe passiert. Und inzwischen haben sie aus Urach in Neustadt angerufen und gesagt, daß drei Amerikaner auch in Urach runter sind. Ihnen ist befohlen worden, die Gefangenen auf einem bestimmten Weg nach Schollach zu bringen. Dort haben sich dann der Kreisleiter, der Birnbräuer und die anderen beiden versteckt. Die haben die drei Gefangenen von Urach auf dieselbe Art erschossen. Dann hat der Kreisleiter dem Vater bzw. der Ortsverwaltung den Auftrag gegeben: ihr habt dafür zu sorgen, daß die Leute verscharrt werden. Das ist dann gemacht worden; die sind im Wald verscharrt worden.
Frage:
In welchem Zeitraum fand das eigentlich statt?
SK:
Alles an einem halben Tag, am 21. Juli. Und das Tragische, was die Bevölkerung hier so aufgeregt hat, war, daß der jetzige Urisbauer in amerikanischer Gefangenschaft war. Und grad bei seinem Hof haben sie alle fünf erschossen! Und da hat man gedacht: Wenn das die Amerikaner erfahren, dann kommt auch der Sohn vom Urisbauer dran, obwohl er gar nichts dafür kann.
WK:
Ja, es ist dann noch weitergegangen: Mein Vater und der Pfarrer Eisele, die haben zusammen überlegt und gesagt: wir können die Leute nicht hier im Wald liegen lassen. Und dann haben sie sie auf dem Friedhof beerdigt, also richtig kirchlich beerdigt. Das haben sie nachts gemacht, damit kein Mensch davon erfahren sollte. Nur die engsten Vertrauten haben teilgenommen.
Frage:
Die haben also die Toten ausgegraben, eingesargt und beerdigt - und das alles in einer Nacht?
WK:
Ja.
Frage:
Und das haben die gemacht, weil sie Angst hatten?
WK:
Angst war schon dabei, ja. Aber der Pfarrerund der Bürgermeister haben sich gesagt: das waren Gefangene, das war Mord. man darf das nicht auf sich beruhen lassen. Die gehören auf dem Friedhof beerdigt. Nicht aus Angst, sondern weil wir einen würdigen Priester hatten. Deshalb. Und darum hat sich auch der Pfarrer Eisele in Gefahr begeben. Denn wenn das bekannt geworden wäre ... Allerdings hat es denen von der Kreisleitung auch so langsam gedämmert. Die wollten alle, die was von der Sache wußten, vor dem Zusammenbruch liquidieren!
Frage:
Ein Herr Kury soll eine bestimmte Rolle gespielt haben - wissen Sie etwas Näheres darüber, Herr Kleiser?
SK:
Ja. Ich möchte aber erst noch kurz auf die Fliegergeschichte zurückgehen. Mein Bruder war damals bei der Landwacht; die haben den Befehl gekriegt, den Wald abzusuchen. Die Amerikaner waren inzwischen bereits runtergekommen. Es waren sehr anständige Leute. Das haben auch die gesagt, die sie aufs Rathaus gebracht haben. Sie waren freundlich und haben Zigaretten angeboten. Das haben unsere Leute natürlich nicht angenommen, ist ja klar, aber diese amerikanischen Piloten waren sehr nette Leute. Die haben ein gebrochenes Deutsch gesprochen und stammten wahrscheinlich von deutschen Einwanderern ab. Mein Bruder hat gesagt, daß der eine ein Armband getragen hat, auf dem der Name draufgestanden ist: Leonhard Kornblau.
Frage:
Wie alt waren diese Piloten?
Sk:
So zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig. Und die haben dann unten im Schulhaus bewacht werden müssen. Inzwischen ist das Amtliche gelaufen mit dem Landrat Freudenberg und der Kreisleitung, und dann hat sich das Schicksal vollzogen. Und die Empörung war groß in der Bevölkerung, aber man durfte ja nicht frei drüber reden, das war das Schlimme. Und dann wurden vor allen Dingen noch Gerüchte in Umlaufgesetzt. Die Parteileute haben nachher gesagt, die Landwacht hätte die Leute erschossen, nicht sie. Und die Landwacht hat dann am Abend die Leichen verscharren müssen, auf Befehl. Das wollten die erst gar nicht machen, aber das war dann Befehl. Dann hat man sie auf dem Friedhof bestattet und ein Requiem gehalten. Das wurde aber alles im geheimen gemacht, damit die Parteileitung nicht aufgestachelt wird. Und dann hat der Friedrich Kury noch das Schlimmste abgewendet: denn der Birnbräuer hat dem Ortsgruppenleiter dem Gfellbur, befohlen, er müsse eine Liste von den Personen aufstellen, die über diesen Fall etwas verraten könnten. Das hat der Mann natürlich nicht vor seinem Gewissen verantworten können.
Frage:
Weil er wußte, daß die Leute liquidiert werden sollten?
SK:
Ja. Vor allen Dingen die Kriegsgefangenen. Die wären die ersten gewesen. die dran gekommen wären. Und dann hat der Gfellbur gemacht. was richtig war: Er ist zu seinem Freund gegangen, zum Friedrich Kury und hat ihm das Anliegen im Vertrauen vorgetragen. Er hat gesagt: heute Abend hat sich der Birnbräuer bei mir auf dem Gfellhof angemeldet. Da hat der Kury gesagt: Gut. Emil. ich komm, ich bin schon vorher dort! Der Friedrich Kury war dann im Gfellhof, in der Wohnstube, als der Birnbräuer ankam.
Frage:
Hatte der Kury damals eine Funktion in Schollach?
SK:
Nein, nein, der war Waldarbeiter, war aber ein alter Soldat aus dem ersten Weltkrieg. Dann hat der Birnbräuer nach ein paar Stunden zu dem Gfellbauer gesagt: wann geht denn der Mann mal weg, wir wollen doch zur Sache kommen?! Da hat der Gfellbauer dem Birnbräuer geantwortet: ja, das können wir ruhig, der Mann ist informiert - ich hab' den Mann informiert. - Was haben Sie? -Ja. das hab' ich gemacht! - Da hat der Birnbräuer die Pistole ziehen wollen, aber der Friedrich Kury. das war ein großer, kräftiger Mann, der ist in dem Moment aufgestanden und hat seine beiden Hände in den Hosentaschen gehabt. Daraufhin hat der Birnbräuer seine Pistole stecken lassen.
Frage:
Weil er dachte, der Kury hat auch eine Pistole in der Tasche?
SK:
Wahrscheinlich. Dann hat es also eine Auseinandersetzung gegeben, und der Kury hat zum Birnbräuer gesagt, er soll diese Sache bleiben lassen, er soll sich nicht noch einmal mit Blut beschmieren. Und das hat der Birnbräuer schlucken müssen, ob er wollte oder nicht. Er ist dann abgezogen, aber man wußte ja nicht, was der hinterher noch inszeniert . . . Und das hat mir der Friedrich Kury selbst mal gesagt: von dem Tag an ist er nie mehr in den Wald gegangen, ohne seine Waffe mitzunehmen Und er hat auch seine Frau immer mitgenommen, weil er fürchtete, es könne eine Revanche kommen. Aber da hat sich der Birnbräuer offensichtlich dann doch nicht mehr getraut. Er war eben im Grunde genommen ein Feigling. Ich weiß das von einem Bekannten, der nach dem Krieg, obwohl er unschuldig war, mit dem Birnbräuer in einer Zelle gesessen hat. Der Birnbräuer hat zu diesem Mann gesagt, wenn er ihm dazu verhelfen könne. Dass er irgendwie hier raus käme, dann würde er ihm zeit seines Lebens den Knecht machen, und wenn den Schweinestall ausmisten müßte. Das hat er gesagt, so ein Feigling war er. Und dann ist es eben zum Umsturz gekommen. Und sofort sind der Ortsgruppenleiter und der Bürgermeister Kleiser verhaftet worden.
WK:
Der Landrat Freudenberg hat den Franzosen aber beigebracht. daß mein Vater überhaupt nichts mit der Fliegergeschichte zu tun hatte. Ich glaub', das war damals am 30. April als sie ihn hier verhaftet haben, vielleicht eine ganze Kompanie oder eine halbe. Die haben das Haus umstellt und erst nach Waffen gefragt. Mein Vater war Jäger und hat vier oder fünf Gewehre gehabt, Jagdwaffen. Die hat er ihnen gegeben. Dann haben die Franzosen bei uns im Haus restlos alles ausgeplündert, Schmuck, Uhren. und ein frisch geschlachtetes Schwein haben sie mitgenommen aus dem Brühzuber! Und jetzt komm' ich zurück auf das. Was ich vorher erwähnt hab': der Pole, den wir gehabt haben, der war noch nach dem Zusammenbruch da. Das war übrigens ein deutschstämmiger Pole. Hermann hat er geheißen mit Familiennamen. Sein Vater und sein ältester Bruder haben im ersten Krieg in der deutschen Armee gedient. Und diese Polen haben hier alles ins reine gebracht. Die sind jeden zweiten Tag nach Neustadt gegangen und haben Krach geschlagen, weil mein Vater eingesperrt war. Und dann hat sich auch der Pfarrer Eisele eingesetzt. Nach vierzehn Tagen sind die aus dem Gefängnis in Neustadt wieder entlassen worden. Dann sind die Amerikaner immer wiedergekommen und haben die beiden verhört. Und dann 1947, im Mai, wir waren gerade am Säen, haben sie meinen Vater geholt: also jetzt geht's nach Dachau - der Prozeß beginnt in ein paar Tagen! Und dann war er acht oder vierzehn Tage in Dachau als Zeuge, nicht als Angeklagter. Da waren der Dr. Freudenberg als Zeuge und der Birnbräuer und dieser andere Mann aus Neustadt als Angeklagte. Die Angeklagten sind zum Tode verurteilt worden. Und da ist das Versehen passiert, daß sie den Mann aus Neustadt entlassen haben. Der ist nach Neustadt gekommen und hat sich direkt bei der französischen Kommandatur gestellt: er möchte nicht, daß jemand anderer als er bestraft wird! Die französische Kommandatur hat den Mann festgehalten und wieder nach Dachau gebracht. Dort hat der Mann ohne mit der Wimper zu zucken das Todesurteil angenommen.
Frage:
Stimmt es, daß sich der Kreisleiter Kuner kurz vor dem Zusammenbruch am Windgfällweiher erschossen hat und daß sein Sohn im Westen gefallen ist?
WK:
Ja.
SK:
Was man vielleicht noch festhalten sollte: Bei der ganzen Sache ist kein Schollacher Bürger verurteilt worden.
WK:
Es wär' vielleicht noch zu erwähnen, daß aus dem Flugzeug noch mehr abgesprungen sind. Aber die hat's nach Linach abgetrieben, Kreis Donaueschingen. Die sind ordnungsgemäß im Kriegs abgeliefert worden.
Weitere Infos: www.flieger-lynchmorde.de